Baudelaire II

An eine Madonna

Ex voto in spanischer Manier

Madonna, meine Herrscherin, dir will ich weihn
Am Grunde meines Jammers den Altar aus Stein,
Und eine Nische will ich dir im Herzen bauen,
Die weltliche Begierde und Spötter nicht erschauen,
Im dunklen Winkel, blau und golden ausgeschlagen,
Dort wirst du wundersam als Marmorbild aufragen.
Mit meinen Versen, fein geflochten aus Metall,
Und kunstvoll rings bestirnt mit Reimen aus Kristall,
Will eine große Krone ich ums Haupt dir winden;
Und meine Eifersucht wird einen Mantel finden,
O sterbliche Madonna, der so starr gemacht
Und so unmenschlich, schwer, gefüttert mit Verdacht,
Daß er als Schilderhaus all deinen Reiz versteckt;
Mit Perlen ist er nicht, mit Tränen nur bedeckt!
Und mein Begehren dient dir als Gewand, das bebt,
Das sich in Wellen senkt und wieder neu erhebt,
Sich auf der Höhe wiegt, im Tal zur Ruhe streckt,
Und das mit seinem Kuß den weißen Leib bedeckt.
Aus meiner Ehrfurcht will ich Atlasschuhe weben,
Die deine edlen Füße demutsvoll umgeben,
Und sie mit ihrem Druck so fest und weich umfassen,
Daß, wie in einer Form, sie ihren Abdruck lassen.
Und bin ich gleich geschickt, so bin ich doch verlegen,
Wie ich den Silbermond dir kann zu Füßen legen.
Drum sollst du nicht die Schlange, die mich beißt, verschmähn,
Die ungeheuerlich der Haß und Geifer blähn.
Dein Absatz soll sie höhnisch treten und sie quälen,
Sieghafte Königin so viel erkaufter Seelen.
Meine Gedanken sind wie Kerzen anzuschauen,
Gereiht vor dem Altar der Königin der Frauen,
Das blaugemalte Rund besternt ihr Widerschein,
Mit ihren Feuerblicken kreisen sie dich ein;
Und da in mir dich alles liebt und dich verehrt,
Sich alles in Benzoe, Weihrauch, Myrrhe kerht,
Und stets zu dir, du schneeig weißer Gipfel, hin
Will mein gewitterschwangerer Geist in Wolken ziehen.

Damit vollendet die Marienrolle sei,
Und Liebe sich vermische mit der Barbarei,
Schmied ich, ein reuiger Henker, in schwärzester Beguer,
Aus sieben schweren Sünden sieben Dolche mir,
Mit ihnen will ich, wie ein Gaukler ohne Fühlen,
Nach deiner tiefsten Liebe, als der Scheibe, zielen,
Ich stoß sie alle in dein Herz, das schwillt,
Dein Herz, das zuckt, dein Herz, das überquillt.
[aus: Die „Blumen des Bösen“ von Baudelaire, Übersetzung Monika Fahrenbach-Wachendorff]