Foucault – Überwachen und Strafe

Die Historiker beschäftigen sich seit längerer Zeit mit der Geschichte des Körpers. Sie haben den Körper im Feld der historischen Demographie und Pathologie studiert. Sie haben ihn als Sitz von Bedürfnissen und Gelüsten, als Ort von physiologischen Prozessen und von Metabolismen, als Zielscheibe für die Angriffe von Mikroben und Viren untersucht. Sie haben gezeigt, bis zu welchem Grade die historischen Prozesse in das verwickelt waren, was als rein biologischer Sockel der Existenz gelten mochte und welcher Platz in der Geschichte der Gesellschaften biologischen „Ereignissen“ wie der Ausbreitung von Bazillen oder der Verlängerung der Lebensdauer einzuräumen ist. Aber der Körper steht auch unmittelbar im Feld des Politischen; die Machtverhältnisse legen ihre Hand auf ihn; sie umkleiden ihn, markiere ihn, dressieren ihn, martern ihn, zwingen ihn zu Arbeiten, verpflichten ihn zu Zeremonien, verlangen von ihm Zeichen. Diese politische Besetzung des Körpers ist mittels komplexer und wechselseitiger Beziehungen an seine ökonomische Nutzung gebunden; zu einem Gutteil ist der Körper als Produktionskraft von Macht- und Herrschaftsbeziehungen besetzt; auf der anderen Seite ist seine Konstituierung als Arbeitskraft nur innerhalb eines Unterwerfungssystems möglich (in welchem das Bedürfnis auch ein sorgfältig gepflegtes, kalkuliertes und ausgenutztes politisches Instrument ist); zu einer ausnutzbaren Kraft wird der Körper nur, wenn er sowohl produktiver wie unterworfener Körper ist. Diese Unterwerfung wird aber nicht allein durch Instrumente der Gewalt oder der Ideologie erreicht; sie kann sehr wohl direkt und physisch sein, Kraft gegen Kraft ausspielen, materielle Elemente einbeziehen und gleichwohl auf Gewaltsamkeit verzichten; sie kann kalkuliert, oragnisiert, technisch durchdacht, subtil sein, weder Waffen noch Terror gebrauchen und gleichwohl physischer Natur sein. Es kann also ein „Wissen“ vom Körper geben, das nicht mit der Wissenschaft von seinen Funktionen identisch ist, sowie eine Meisterung seiner Kräfte, die mehr ist als die Fähigkeit zu ihrer Besiegung: dieses Wissen und diese Meisterung stellen die politische Ökonomie des Körpers dar. Gewiß, diese Technologie ist diffus, in zusammenhängenden und systematsichen Diskursen kaum formuliert; sie setzt sich aus Stücken und Stückchen zusammen; sie arbeitet mit disparaten Werkzeugen und Verfahren; trotz der Kohärenz ihrer Resultate ist sie häufig ein vielgestaltiger Prozeß. Man kann sie auch weder in bestimmten Institutionen noch im Staatsapparat festmachen. Diese greifen auf sie zurück; sie benützen, fördern oder erzwingen ihre Prozeduren. Aber sie selbst mitsamt ihren Mechanismen und Wirkungen liegt auf einer anderen Ebene. Es handelt sich gewissermaßen um eine Mikrophysik der Macht, die von den Apparaten und Institutionen eingesetzt wird; ihre Wirksamkeit liegt aber sozusagen zwischen diesen großen Funktionseinheiten und den Körpern mit ihrer Materialiät und ihren Kräften.
[Überwachen und Strafen – Foucault; S. 36ff]